Des Künstlers Werkstatt-Tagebuch....

 


04. Januar 2019, 19:09


Vor ein paar Wochen fiel mir ein Werkbuch in die Hand, welches mein Vater (er war Grundschullehrer und unterrichtete auch Kunst...) wohl für den Unterricht angeschafft hat.
Der Titel des Buches lautet:
Das Spiel mit den bildnerischen Mitteln, Band 1, Werkstoff Papier,
herausgegeben 1959 von Ernst Röttger in Zusammenarbeit mit Dieter Klante im Otto Maier Verlag Ravensburg.
Schon das Vorwort, verfasst von Teo Otto, damaliges Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und Namensgeber des Stadttheaters in Remscheid ist so aktuell in seiner Aussage, dass ich es hier gerne im Wortlaut wiedergeben möchte:

Funktionelles und kommerzielles Denken beherrschen in unserer Zeit unbarmherzig die Daseinsform. Der Mensch und die Dinge sind einer organisierten Verzweckung, Vernutzung, Verfunktionalisierung ausgesetzt. Der Mensch ist nicht mehr das Maß der Dinge. Sein Maß ist die Verkaufschance, sein Wert das Einkommen. Das rechnerische und das organisatorische Raster der Ökonomie scheidet in seiner Dichte immer mehr die Welt des Gefühls, der Liebe, der Poesie, des Spiels als bedeutungslos und lästig aus.
Das Tempo und der Umfang der technischen Entwicklung gestatten das Unfassbare nicht mehr. Die Technik betrachtet, gemessen an ihren Möglichkeiten, den Menschen als Fehlkonstruktion und überschüttet ihn gleichzeitig mit den Reichtümern der Erde. Die Technik darf für sich in Anspruch nehmen, das zentrale Problem unserer Epoche, die soziale Frage, die sie allerdings selbst heraufbeschworen hat, auch einer Lösung entgegenzuführen.
Diese sich abzeichnende Tatsache ist ein Triumph des Menschen. Inmitten einer ungeahnten Fülle erweist sich jedoch die Zerstörung der Welt der Poesie als ein zu hoher Preis. Ohne das Spektrum der Poesie ist sein Herz blind, sind die Dinge, die ihn umgeben, schal. Die Landschaft der Zahlen, die er durchwandert mit ihrem Hexeneinmaleins, mit ihren Wundern, mit ihren kunstvollen Fiktionen, ist von monotoner Öde. Es ist die Landschaft des Grauens, durch die er schreitet und er entdeckt, dass er, versichert, voller Angst ist, dass er, dicht gedrängt, allein ist, dass er die Zeit totschlägt und keine Zeit mehr hat, dass er trotz Tuchfühlung den Mitmenschen nicht mehr erreicht, Dass er rufend ungehört bleibt, dass er missbrauchend missbraucht wird. Die Verantwortlich weisen auf die Gefahr hin und in die Diskussionen der aufgeschlossenen Jugend im Westen wie im Osten schält sich das Problem heraus:
Wie verhindert der Mensch bei stetigem Steigen des Spiegels des Komforts das Absinken des Spiegels der Poesie? In diesem Bemühen kommt der Beschäftigung mit der Kunst, gleich in welcher Form, gleich in welcher Qualität, besondere Bedeutung zu.
Empfindung und Sensibilität sind ihre Voraussetzung, Spiel ihr Beginn. Kunst ist kein Privileg. Jeder trägt die Disposition zum Schöpferischen in sich. Der Mensch ist wie ein verklebtes Buch: staunend kann er sich lesen, wenn es gelingt, die Seiten zu lösen. Seine schöpferischen Möglichkeiten, verschüttet unter Konventionen, gilt es zu erschließen…Spiel ist der Sinn des Sinnlosen, ist die Entdeckung des Nichtwollenden, ist die Überraschung des Neugierigen. Das „sich finden“ und das „zu sich kommen“, verliebt in den Vorgang des Spiels und in das Material, schließen dem Spielenden immer neue Formen und Wirkungen auf und ahnend fühlt er eine Welt, die unbegrenzt ist in ihrer Schönheit und in ihrem Zauber. Spiel ist der Schlüssel zu Poesie und zu jener Pforte, durch welche die Götter einziehen können, die imstande sind, dem Dasein wieder Glanz und Farbe zu geben und das Schöpferische zu beflügeln. Zitatende.

In diesem Sinne wünschen ich allen ein frohes, vor allem gesundes (wenn der Mensch gesund ist, kann er an allem anderen arbeiten), aber auch kreatives und erfolgreiches Neues Jahr.

Redakteur

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